Zürcher "Sales Guy" geht viral: Was Marketing vom "Multiple 100"-Hype lernen kann

Ein spontanes SRF-Interview auf der Zürcher Bahnhofstrasse entwickelt sich zum Social-Media-Phänomen: Ein junger Mann spricht über seinen Beruf im ETF-Vertrieb, bezeichnet sich als „Sales Guy“ und antwortet auf die Frage nach seinem Einkommen mit einer Formulierung, die inzwischen weit über das ursprüngliche Interview hinaus bekannt ist: „Multiple 100“. Der Ausschnitt wird geteilt, kommentiert und parodiert.

Doch warum funktioniert gerade dieser Auftritt so gut – und was lässt sich daraus über Social Media, Kommunikation und modernes Marketing lernen?

Ein spontanes SRF-Interview wird zum Internetphänomen

Der Ursprung des Hypes liegt in der SRF-Reihe „Reporter Spezial – Donat auf Achse“. Das Konzept lebt von ungeplanten Begegnungen: Reporter Donat Hofer ist unterwegs und spricht spontan mit Menschen über ihren Alltag und ihr Leben.

Bei einer dieser Begegnungen trifft Hofer in Zürich auf einen jungen Mann namens Roman. Dieser erzählt selbstbewusst von seiner Tätigkeit im Vertrieb von ETFs und bezeichnet sich als „Sales Guy“.

Besonders eine Aussage bleibt hängen: Auf die Frage nach seinem Einkommen antwortet er sinngemäss, dieses liege bei „Multiple 100“ – also im Bereich mehrerer Hunderttausend Franken.

Was zunächst lediglich Teil eines spontanen Strasseninterviews ist, entwickelt im Netz eine völlig neue Dynamik.

Der virale „Sales Guy“-Moment im Video

Wer den inzwischen bekannten „Sales Guy“-Auftritt selbst sehen möchte, kann die entsprechende Sendung auf YouTube anschauen. Gerade im Original wird deutlich, weshalb das spontane Gespräch, die besondere Art des Auftritts und Aussagen wie „Multiple 100“ innerhalb kurzer Zeit eine derart grosse Aufmerksamkeit in den sozialen Medien ausgelöst haben.

Der virale „Sales Guy“-Moment im Video

Wer den inzwischen bekannten „Sales Guy“-Auftritt selbst sehen möchte, kann die entscheidende Szene direkt hier ansehen. Gerade im Original wird deutlich, weshalb das spontane Gespräch, die besondere Art des Auftritts und Aussagen wie „Multiple 100“ innerhalb kurzer Zeit eine derart grosse Aufmerksamkeit in den sozialen Medien ausgelöst haben.


Video: Die entsprechende Szene startet direkt bei 4:10 Minuten.


Warum „Multiple 100“ hängen bleibt

Für Viralität gibt es kein zuverlässiges Rezept. Der Zürcher „Sales Guy“ vereint allerdings gleich mehrere Elemente, die in sozialen Netzwerken besonders gut funktionieren.

Der Auftritt ist spontan und leicht verständlich. Dazu kommen eine auffällige Persönlichkeit, Selbstbewusstsein und eine charakteristische Sprache mit Begriffen aus der Finanz- und Businesswelt.

Vor allem aber liefert das Interview Formulierungen, die sich problemlos aus ihrem ursprünglichen Kontext lösen und weitererzählen lassen.

„Multiple 100“ ist dafür geradezu ideal.

Zwei Wörter genügen inzwischen, um auf das gesamte Phänomen anzuspielen. Aus einer Aussage wird ein Running Gag, daraus entstehen Memes, Kommentare und Parodien – und aus dem ursprünglichen Interview wird ein Social-Media-Phänomen.

Zwischen Bewunderung und Spott

Zum Erfolg des Videos trägt auch bei, dass der Auftritt sehr unterschiedliche Reaktionen hervorruft.

Manche Nutzerinnen und Nutzer sehen darin einen selbstbewussten jungen Berufsmann, der offensichtlich begeistert von seiner Arbeit erzählt. Andere nehmen insbesondere die Sprache und das Auftreten aufs Korn.

Genau diese unterschiedlichen Reaktionen können die Verbreitung zusätzlich beschleunigen.

Ein Inhalt muss in sozialen Medien nicht allen gefallen, um erfolgreich zu sein. Entscheidend ist häufig vielmehr, dass er eine Reaktion auslöst.

Menschen kommentieren, diskutieren, teilen den Ausschnitt mit Freunden oder erstellen eigene Varianten. Dadurch erreicht das ursprüngliche Thema immer neue Zielgruppen.

Der Mensch hinter dem Meme

Bei aller Unterhaltung darf ein wichtiger Punkt nicht verloren gehen: Hinter einem viralen Clip steht weiterhin ein realer Mensch.

SRF-Reporter Donat Hofer äusserte sich nach dem grossen Echo ebenfalls zu seinem Gesprächspartner. Er betonte, Roman nicht vorgeführt zu haben, und wandte sich gegen abschätzige Reaktionen. Das Format wolle Menschen und unterschiedliche Lebensrealitäten zeigen.

Das ist eine wichtige Erinnerung daran, wie schnell sich die Wahrnehmung einer Person im digitalen Raum verselbständigen kann.

Ein Interview dauert vielleicht einige Minuten. Ein einzelner Satz daraus kann jedoch ein riesiges Publikum erreichen und plötzlich stellvertretend für eine Person stehen.

Wenn ein Internetphänomen zum Marketingthema wird

Spätestens wenn Unternehmen einen Internettrend aufgreifen, wird aus einem Social-Media-Phänomen auch ein Marketingthema.

Das Prinzip dahinter wird häufig als Real-Time-Marketing bezeichnet. Eine Marke reagiert schnell auf ein aktuelles Ereignis, einen viralen Ausspruch oder ein Meme und übersetzt dieses in die eigene Markenwelt.

Gelingt das gut, versteht das Publikum die Anspielung unmittelbar. Die Marke wird für einen Moment Teil eines ohnehin laufenden gesellschaftlichen Gesprächs.

Das kann enorme Aufmerksamkeit erzeugen.

Was Unternehmen vom viralen „Sales Guy“ lernen können

Der Fall zeigt eindrucksvoll, dass erfolgreiche Kommunikation nicht zwangsläufig mit einer grossen Produktion beginnt.

Das ursprüngliche Interview wurde nicht als Werbekampagne konzipiert. Seine Wirkung entstand wesentlich aus der Persönlichkeit des Gesprächspartners und der Spontaneität der Situation.

Daraus lassen sich einige grundsätzliche Erkenntnisse für Marketing und Content Marketing ableiten.

1. Persönlichkeit schafft Aufmerksamkeit

Menschen interessieren sich für Menschen.

Unternehmen kommunizieren häufig über Logos, Produkte, Dienstleistungen und perfekt formulierte Werbebotschaften. Doch eine erkennbare Persönlichkeit kann wesentlich stärker in Erinnerung bleiben.

Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer, Mitarbeitende, Fachpersonen oder Verkäufer können einem Unternehmen ein Gesicht geben.

2. Authentizität lässt sich schwer inszenieren

Das Interessante am „Sales Guy“-Moment ist gerade, dass er nicht wie eine ausgearbeitete Kampagne wirkt.

Der Gesprächspartner spricht in seiner eigenen Sprache und mit seiner eigenen Art.

Für Unternehmen bedeutet das nicht, auf Professionalität zu verzichten. Es zeigt vielmehr, dass professionelle Kommunikation nicht steril sein muss.

3. Einfache Botschaften verbreiten sich leichter

„Multiple 100“ funktioniert kommunikativ, weil die Formulierung extrem kurz und wiedererkennbar ist.

Gute Markenkommunikation profitiert ebenfalls von Botschaften, die Menschen verstehen, behalten und weitererzählen können.

4. Geschwindigkeit kann entscheidend sein

Internettrends haben häufig eine kurze Lebensdauer.

Wer als Unternehmen darauf reagieren möchte, muss deshalb schnell entscheiden können. Eine Reaktion Wochen später kann bereits einen grossen Teil ihrer Wirkung verloren haben.

Schnelligkeit allein genügt allerdings nicht. Ein Trend muss zur eigenen Marke passen.

Darf man einen viralen Menschen einfach für Werbung verwenden?

Hier liegt eine wichtige Grenze.

Dass eine Person in einem öffentlich zugänglichen Video vorkommt und im Internet viral wird, bedeutet nicht automatisch, dass ihr Bild, ein Screenshot oder ihre Persönlichkeit frei für kommerzielle Werbung verwendet werden darf.

Bei redaktioneller Berichterstattung über ein öffentlich diskutiertes Phänomen bestehen andere Voraussetzungen als bei einer kommerziellen Verwendung, durch die beispielsweise der Eindruck entstehen könnte, eine bestimmte Person unterstütze oder empfehle ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Unternehmen.

Deshalb sollte zwischen der redaktionellen oder kreativen Auseinandersetzung mit einem Trend und der kommerziellen Verwendung der konkreten Person klar unterschieden werden.

Ein viraler Trend kann zum Thema werden. Die Person dahinter wird dadurch jedoch nicht automatisch zu einem frei verfügbaren Werbemittel.

Auch künstliche Intelligenz beseitigt diese Grenze nicht

Besonders interessant wird diese Frage durch generative künstliche Intelligenz.

Technisch ist es heute vergleichsweise einfach, neue Bilder zu erzeugen, die sich an bekannten Internetphänomenen orientieren.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine KI-generierte Darstellung einer realen und erkennbaren Person rechtlich unproblematisch verwendet werden kann.

Eine KI-generierte Darstellung sollte deshalb nicht als vermeintlicher Umweg betrachtet werden, um Persönlichkeits-, Urheber- oder andere Rechte zu umgehen.

Für Unternehmen ist die sicherere Strategie zugleich häufig die kreativere:

Nicht die Person kopieren – sondern die Idee hinter dem Trend verstehen.

Meme aufgreifen: ja – Person vereinnahmen: Vorsicht

Ein Unternehmen muss den Zürcher „Sales Guy“ nicht abbilden, um sich kreativ mit dem „Multiple 100“-Phänomen auseinanderzusetzen.

Interessanter kann eine eigenständige Interpretation sein.

Eine Marke kann beispielsweise mit Sprache, Zahlen, einer Situation oder einem Wortspiel arbeiten und daraus etwas entwickeln, das eindeutig zur eigenen Markenidentität gehört.

Das ist letztlich auch die grössere kreative Leistung.

Gutes Real-Time-Marketing kopiert nicht einfach einen viralen Inhalt. Es nimmt einen kulturellen Moment auf und erzählt ihn aus der Perspektive der eigenen Marke weiter.

Vom „Sales Guy“ zum Lehrstück über Personal Branding

Der Fall lässt sich noch aus einer anderen Perspektive betrachten.

Ob beabsichtigt oder nicht: Der Auftritt besitzt verschiedene Eigenschaften, die auch beim Personal Branding eine wichtige Rolle spielen:

  • eine erkennbare Persönlichkeit
  • eine klare berufliche Identität
  • eine charakteristische Sprache
  • Selbstbewusstsein
  • eine wiedererkennbare Aussage

Das bedeutet natürlich nicht, dass andere Menschen den Auftritt kopieren sollten.

Die wesentlich interessantere Frage für Unternehmerinnen und Unternehmer, Führungskräfte, Fachpersonen und Marken lautet:

Wofür werde ich beziehungsweise wird mein Unternehmen innerhalb weniger Sekunden wiedererkannt?

Wer darauf keine überzeugende Antwort hat, kann aus diesem scheinbar einfachen Internetphänomen durchaus etwas lernen.

Viralität kann man nicht bestellen

Marketingabteilungen können Kampagnen planen, Zielgruppen analysieren, Videos produzieren und Werbebudgets einsetzen.

Was sie nicht zuverlässig bestellen können, ist echte Viralität.

Denn am Ende entscheidet das Publikum.

Menschen bestimmen, welchen Satz sie weitererzählen, welches Video sie Freunden schicken und aus welcher Szene ein Meme entsteht.

Genau darin liegt der besondere Reiz des Zürcher „Sales Guy“.

Aus einer alltäglichen Begegnung zwischen einem Reporter und einem Passanten entstand innerhalb kürzester Zeit ein Gesprächsthema, das weit über das ursprüngliche Interview hinausging.

Fazit: Was Marketing vom Zürcher „Sales Guy“ lernen kann

Der „Multiple 100“-Hype ist unterhaltsam – gleichzeitig ist er ein bemerkenswertes Beispiel für die Mechanismen moderner Kommunikation.

Persönlichkeit schafft Wiedererkennung. Spontaneität kann glaubwürdiger wirken als Hochglanz. Einfache Aussagen bleiben hängen. Unterschiedliche Reaktionen erzeugen Diskussionen. Und soziale Medien können aus wenigen Sekunden innerhalb kürzester Zeit ein grosses Gesprächsthema machen.

Für Unternehmen liegt die eigentliche Lektion deshalb nicht darin, den „Sales Guy“ zu kopieren.

Viel interessanter ist die Frage, wie sie selbst menschlicher, unverwechselbarer und erzählenswerter kommunizieren können.

Und bei aller Begeisterung für einen viralen Trend sollte eine Grenze bestehen bleiben:

Der Hype darf zum Thema werden – der Mensch dahinter bleibt ein Mensch und kein frei verfügbares Werbemittel.

Genau darin liegt vielleicht die wertvollste „Multiple 100“-Lektion für modernes Marketing.

 

Quelle: belmedia-Redaktion
Titelbild: Symbolgrafik © belmedia-Redaktion / KI-generiert